Erlebnisberichte

BERICHT: Windjammer 2015

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cotravel Reise-Blog BERICHT_Windjammer 2015

09. September 2015 von

AUF SEE MITTEN INS GLÜCK SEGELN

Einmal auf einem mehr als hundertjährigen, majestätischen Grosssegler mitanzupacken, die Segel zu setzen und zu trimmen, wunderschöne Sonnenuntergänge zu beobachten, tagelang kein Land zu sehen und schon fast lautlos über das Meer zu gleiten — ja, dies ist der Traum vieler!

Für 18 cotraveler — wobei zwei davon bereits erfahrene Trainees waren — ist dieser Traum Ende Juni (wieder) in Erfüllung gegangen. Hier ein paar Einblicke in das Leben eines Matrosen:

Spannende Stadtführungen, Museumsbesuche mit Weltneuheiten von Munch & Van Gogh, Schlendern in der Aker Brygge bei schönstem Dämmerungslicht bis weit nach Mitternacht, die gut sechsstündige Zugfahrt von Norwegens Hauptstadt zur Hauptstadt des Fjordlandes, an Bord der Bergenbahn entlang einer der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt und einem genüsslichen Apéro bei Sonnenschein und Panoramablick auf Bergens Hausberg, dem Fløyen. …Nach drei Tagen des Kennenlernens sind wir nun also da — am Heimathafen und Anlegeplatz „unserer“ Statsraad Lehmkuhl, unser Zuhause für die nächsten sechs Tage.

WILLKOMMEN AN BORD

Die Spannung steigt von Minute zu Minute, bis sie kurz nach 12:00 Uhr ihren Höhepunkt erreicht. Denn jetzt gibt es kein Zurück mehr, kein Entkommen! Mit unseren Seesäcken und anderen Gepäcksarten laufen wir angespannt aber voller Vorfreude und mit strahlenden Augen über die Rampe, die uns an Deck des imposanten Windjammers bringt. Nebst dem Staunen über die Dimensionen, die vielen Tauwerke und die sehr gute Instandhaltung dieses norwegischen Segelschulschiffes, ist immer noch vieles ungewiss. Denn wer kann einem schon sagen, was uns alles auf einem solch speziellen Trip erwarten wird?

So lassen wir es gelassen auf uns zukommen und verabschieden uns erstmals mit viel „Gewinke“ von den Hinterbliebenen am Quai und der wunderbaren Kulisse der farbigen Häuserzeilen im alten Hanseviertel. Gekonnt und mit viel Ruhe manövriert unser Kapitän Jarle Flatebø die Bark aus dem geschäftigen Hafen. Schon bald befinden wir uns zwischen den Fjorden und fahren immer weiter Richtung Nordsee.

DAS LEBEN AUF DEM SEGELSCHIFF

Nach den ersten entspannten Stunden werden wir dann überhäuft mit Informationen und Arbeit: Es gilt, die berüchtigte und von vielen mit einer gewissen Ehrfurcht betrachtete Hängematte zu fassen, sich seine Nummer — sozusagen als Namensersatz — einzuprägen, sich die vielen Informationen der Crew über das Leben und die verschiedenen Arbeiten an Bord und das Schiff zu merken (und zu verstehen) und sich das erste Mal (natürlich nur wer will) am Rigg zu beweisen. Die Zeit vergeht wie im Flug und so kommt es, dass wir fast gar keine Zeit finden, unser Mini-Schliessfach mit unserem Hab & Gut einzurichten. Und schon gar nicht, den Ausführungen unseres Fachreferenten Jan Eitel über die Meteorologie, Tiefs, Hochs, Fronten, Wind, Wetterprognosen und vielem mehr anlässlich des ersten geplanten Vortrages zu lauschen!

Nach dem ersten etwas weniger verlockend aussehenden Abendessen (zum Glück wurden wir bereits am nächsten Tag bis zum Ende der Reise immer währschaftlich und sehr gut verköstigt!) hiess es für unsere Gruppe dann auch schon „Blue Watch Ahoi“! Pünktlich um 19:50 Uhr reihen wir uns also zusammen mit den anderen Trainees aus unserer Watch in 5er Kolonnen nummerisch auf. Zum Glück habe ich – dies ist ja schliesslich mein Job als cotravel Reiseleiterin – beim Boarding die entsprechenden Nummern meines „Grüpplis“ notiert, sonst wäre die eine oder der andere wohl nicht ganz am richtigen Platz gestanden… Vorbildlich melden wir uns also mit einem lauten „Hoy“ zu unserem ersten Dienst.

Dieses Prozedere wiederholt sich die nächsten Tage auf See. So stehen wir jeweils um zehn vor acht Morgens und am Abend stramm an Deck, bei jeder Witterung und Kälte (ja, während ihr in der Schweiz den Sommer mit Rekordtemperaturen geniessen konntet, haben wir uns mit jeder verfügbaren Kleiderschicht eingemummelt!) und sind voller Tatendrang, die nächsten vier Stunden mitanzupacken. Nebst den verschiedenen Wachen wie Look-out, Fire Watch, Helm (Steuern des Schiffe) sowie Buoywatch (Mann über Bord), welche im Stundentakt von zwei Wachhabenden ausgeführt werden, hilft der Rest der Trainees beim Segel setzen, trimmen, Wende vorbereiten und hoch hinauf aufs Rigg zu klettern, um die Segel an Rahen fest zu machen (nur für Schwindelfreie!).

Es bleibt aber auch Zeit, ins weite Meer hinauszublicken, die uns begleitenden Vögel zu beobachten, Ausschau nach Walen, Delphinen und Haien – ja, wir haben welche gesehen! – zu halten, etwas Sonne zu tanken (wenn sie denn einmal schien), sich die vorbeiziehende mystische Inselkette der Äusseren Hebriden zu verinnerlichen und sich von der Crew die wichtigsten Seemannsknoten beibringen zu lassen. Die zwei Wendemanöver, das raue aber zeitweise auch liebliche Wetter, die Führung durch das ganze Schiff inklusive des imposanten Maschinenraums, der Teamgeist, die herrschende Disziplin an Bord, die überaus aufgestellte Crew, welche uns gekonnt und mit viel Geduld und Humor das 1×1 des Segelns beibrachte, das Zusammenanpacken, das vermittelte Wissen von Jan Eitel sowie die exklusive Einladung von unserem Kapitän in den Captain‘s Salon sind bestimmt die Highlights dieser aussergewöhnlichen Reise und lassen uns „Blue Watchers“ noch lange von dieser einmaligen Erfahrung schwärmen!

SCHLAFEN IN DER HÄNGEMATTE

…Ach ja, da war doch noch was: das Schlafen in luftiger Höhe in einer Hängematte – und dies zusammen mit gut 50 anderen Trainees im gleichen Raum! Freude oder Frust? Dieses Thema war natürlich bereits vor der Überfahrt nach Nordirland hochbrisant und vieldiskutiert. Mit Sprüchen wie „wir werden wie Sardinen in der Dose eingepfercht in unserer Hängematte liegen“ lachten wir herzhaft. Wie es sich aber herausstellte, fühlten wir uns genauso und das Lachen verging in der ersten Nacht wohl den meisten…

Aber keine Angst: Wenn auch Sie von einem solchen Abenteuer träumen, dann lassen Sie sich nicht einschüchtern! Bereits ab der zweiten Nacht schliefen alle tief und fest und wohl auch besser als erwartet! Zum einen sind die Hängematten wirklich bequem und haben sich vor allem bei rauer See als nützlich erwiesen. Denn das Schwanken des Schiffs wird durch die Bewegung der Hängematte ausgeglichen. Und damit man nicht Schulter an Schulter schlafen muss, sind wir dann schnell einmal darauf gekommen, legt man sich gegengleich hin. Also Kopf gegen Füsse und Füsse gegen Kopf – so hat man schon fast luxuriös viel Platz zur Verfügung.

Man muss also nur wissen wie, dann fühlt man sich auch nicht mehr wie eine Sardine in der Dose sondern wie ein richtiger Matrose (dass die Crew feudal in ihren Kabinen in Betten schläft, haben wir erst am letzten Abend bemerkt…). In diesem Sinne: Mast-und Schotbruch!

 

MEHR SEHEN, ANDERS ERLEBEN – SEGELN

Fotoalbum zum Windjammer-Segeltörn Norwegen/Nordirland 2015.
Nächste Segelreise mit Jan Eitel: Grönland & Island 2016.