Erlebnisberichte

UNTERWEGS: Reise in den Iran 2015 – I

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14. Mai 2015

UNBEKANNTER OSTEN UND DAS GROSSE PERSEPOLIS

Erst wenn man einmal im weltberühmten Shiraz im Westen des Landes angekommen ist, realisiert man die Besonderheit des iranischen Ostens. Ursprünglicher, abgelegener, weniger romantisiert und gerade deswegen faszinierend.

1. Tag:
Um 05:30 geht alles ein bisschen schneller. „Ich lebe in Norge, spreche ein bisschen Deutsch“, meinte der junge Iraner vor uns in der Schlange. Wir durften ihm und seinem norwegischen Pass folgen zum Schalter mit der Tafel „Iranians“ – hier sind wir also. Mashad zieht wenig westliche Touristen an. Grund für uns, gerade auch den Osten des Landes zu besuchen. Woran die Menschen hier sichtlich Freude haben. Die Sonntags- bzw. Freitagsausflügler lächeln uns an in der ehemaligen Karawanserei – heute ein wunderbares Restaurant. Frauen beim Ferdowsi-Grab schütteln uns die Hand und erklären den Stellenwert des Dichters. Ihre Männer machen mit den unseren Gruppenfotos. Kindern antworten wir unermüdlich, wir seien „suiss“. Am Harunieh Grabturm werden wir zum Familientee auf dem Picknickteppich eingeladen. Nach so einem ersten Tag stört uns die andere – nein! – Schweizer Gruppe Abends im Hotel nicht.

2. Tag:
Das Imam Reza-Heiligtum wartet. Für die Frauen bedeutet der ausgeliehene Blümchentschador mehr Zurechtzupfen als sonst. Damit wächst auch der Respekt vor den traditionell gekleideten Iranerinnen – das körperverhüllende Tuch zuhalten und z.B. Einkaufen muss ein Kunststück sein. Kompetent und mit sanftem Humor führt uns der Bibliotheksverantwortliche durch die Einheiten des Distrikts. Höhepunkt: das Mittagsgebet um 12:30 – und dass wir uns einfach so dazustellen dürfen. Eine friedliche Stimmung, obwohl die Menschenmenge – Einheimische und ausländische Pilger – beachtlich ist. Auf dem Bazar lächeln uns Safran, süsseste Süssigkeiten und Türkise an – noch ist kein Shoppingwahn ausgebrochen. Obwohl wir ja nun alle Millionäre sind, mit unseren Bündeln Rial im Portemonnaie.

3. Tag:
Mit natürlicher Gelassenheit machen die Männer Sportübungen im Park. Jung, muskulös und mit Sonnenbrille, Knaben sowie ältere Herren, die während ihren Gesprächen nebenbei noch Lockerungsübungen an den freistehenden Turngeräten absolvieren. Wir nippen an unserem Safrantee – die Familie unseres Fahrers betreibt ihren eigenen Anbau – und schauen der spielerischen, unschuldig anmutenden Szenerie zu. Im südöstlichen Kerman weht dann ein anderer, provinziellerer Wind. Auf dem alten Bazar sehen wir Belutschen – ihre Kleidung und Gesichtszüge verraten sie schnell. Im traditionellen Teehaus scheinen wir eine Zeitreise zu machen, in die alten Erzählungen über den faszinierenden, exotischen Orient. Jetzt wissen wir, warum wir nach Kerman gekommen sind.

4. Tag:
Bam hat sich seit dem Erdbeben nicht erholt. Deshalb sehen wir in Rayen, wie eine Zitadelle damals – in Klein – ausgesehen hat. Im Garten des Prinzenpalastes – wo wir die beliebten Auberginen mit getrocknet-geschmolzenem Joghurt, Lamm mit Bölleschweissi und Reis mit Berberizen zu Mittag essen – schlendert ein junges Päärchen zwischen Rosenbeeten und Springbrunnen. Im Mausoleum eines verehrten Sufis in Mahan erfahren wir etwas mehr über diese Philosophie – und treffen auf ein österreichisches Paar, das per Motorrad und Austria-Kennzeichen den Iran durchquert.

5. Tag:
Kleinflächige, artig angelegte Pistazien- und Olivenhaine, Pässe auf 2’000 m, Salzseen, blonde Weizenfelder. Begleitet von iranischen Käseflips und Caramelzältli. Einem Glacéstengel beim obligaten Kontrollstopp des Kilometerzählers. Und ein vorzüglich einfaches Mittagspicknick im Park von Neyriz. Heute legten wir die längste Busfahrt dieser Reise zurück. Eine willkommene Gelegenheit, den Blick aus dem Fenster und die Gedanken frei ziehen zu lassen. Shiraz, unser Ziel, sei die lebensfreudigste Stadt des Iran. Unser geladener Gesprächspartner am Abend bezeichnet sich als Shirazi – aber nur, weil ihn seine Frau hierher gebracht habe. Überhaupt hätten die Frauen die Hosen an – der iranische Azerbaidschaner hat unser Bild vom Land mit seiner offenen Art erweitert.

6. Tag:
Die entzückenden singenden Schulklassen um die Gedenkstätten des Saadi und Hafez stahlen den bedeutenden persischen Dichtern fast die Show. Auf Entdeckungstour in Shiraz trafen wir auf einen unterrichtenden Geistlichen an der Koranschule, einen Filmproduzenten, der für die Mailänder Weltausstellung über persische Gärten einen Beitrag filmt und auf ein generationenaltes Teppichimperium. Und sahen zu, wie unser immerzu strahlender Fahrer in einer engen Gasse an einer kleinen Verkehrskomödie teilnahm.

7. Tag:
Lange von den Reiseteilnehmern herbei gesehnt, traf heute Michael Wrase zu uns! Mit dem Kopf voller zukünftiger Fragen an ihn fuhren wir zum grossen archäologischen Highlight. Persepolis. Wo der König aller Könige die Vertreter seiner Satrapien zeremoniell empfing. Und wo der letzte Shah eine höchst verschwenderische Jubiläumsfeier abhielt. Parser und Meden, Bullen und Zoroaster. Nichts ist zufällig, jedes dekorative Element hat seine Bedeutung. Auf dem Vakhil-Bazar in Shiraz liessen wir uns zum Schluss des Tages noch ein wenig ablenken von Silberschmuck, bunten Stoffen und lackierten Holzschachteln. Das grosse Shoppen heben wir uns aber für Isfahan auf.

 

MEHR SEHEN, ANDERS ERLEBEN – IRAN

Teil II des Iran-Berichts 2015 und dazugehöriges Fotoalbum.
Videoclips von den Iran-Reisen.
Nächste Reise mit Michael Wrase: Usbekistan Oktober 2015.