Erlebnisberichte

BERICHT: Sizilien September 2015

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cotravel Blog BERICHT_Sizilien September 2015

13. November 2015 von

INSEL MIT VIELEN GESICHTERN

Die lieben Vorurteile… Spreche ich mit Bekannten über Sizilien, so fällt recht schnell der Ausdruck ‚Mafia‘, vielleicht auch ‚Vulkaninsel‘ oder ‚verbrannte Erde‘ im Sinne von ausgetrockneten Landstrichen. Vielleicht ist auch die südlich vorgelagerte Insel Lampedusa ein Begriff, bekannt geworden durch viele tragische Flüchtlingsschicksale in jüngster Zeit. Doch Sizilien hat viele Gesichter.

Viele  der genannten ‚Pauschalurteile‘ liessen sich durch unsere Rundreise widerlegen und zeigten uns einen Landstrich im Süden Europas mit erstaunlich farbigen und vielfältigen Facetten….die auch unsere gute Stimmung immer wieder anregten!

Sizilien, mit 25‘000 km2 gut halb so gross wie die Schweiz, liegt auf der geographischen Höhe von Andalusien und dem Peloponnes, ist im Süden aber bereits vergleichbar mit Tunesien. Das vorerwähnte Lampedusa liegt einiges näher bei Nordafrika als bei Sizilien selbst. Geologisches Überbleibsel der einst bestehenden Landbrücke Afrika-Europa ist Sizilien nicht nur die grösste Mittelmeerinsel, sondern durch seine zentrale Lage in der Geschichte immer wieder Anlaufpunkt und Standort für die Herrschaft verschiedenster Völker gewesen.

DIE REICHE KULTURELLE VIELFALT LEGT BEREDTES ZEUGNIS AB

Angefangen im 7. Jh. v. Chr., als sich die Phönizier aus Nordafrika (Gründer von Karthago) im Westen der Insel niedergelassen hatten, während die Griechen an der Ost- und Südküste ihre Stützpunkte mehr und mehr ausbauten, entwickelte sich die Insel zu einem der Zentren im Mittelmeer. Syrakus wurde zur mächtigsten griechischen Stadt westlich des Mutterlandes.

Es folgte während gut einem halben Jahrtausend die Eingliederung als erste Provinz ins Römische Reich, bevor nach dessen Auseinanderfallen im 5. Jh. die glücklose Zeit unter den Vandalen und Westgoten sich breit machte. Der Aufschwung erfolgte durch die Araber, die insbesondere Palermo zu einem Zentrum im westlichen Mittelmeer erblühen liessen. Gestärkt wurde dies anschliessend durch die Normannen, die mit Friedrich II. einen für die Entwicklung der Insel zentralen Machthaber stellten. Beerdigt liegt dieser als „stupor mundi“ (Staunen der Welt) verehrte Kaiser des deutsch-römischen Reiches im Normannenpalast in Palermo.

Nachwehen dieser „germanischen Phase“ zeigen sich auch heute noch in den recht häufig anzutreffenden hellhäutigen und blauäugigen Einwohnern der Insel. Gut 500 Jahre war Sizilien anschliessend unter spanischer Herrschaft; entsprechende Vokabeln finden sich immer noch im lokalen Wortschatz. 1860 erfolgte der durch Garibaldis ‚Expedition der Tausend‘ erzwungene Anschluss an das neue Königreich Italien.

TOURISMUS UND LANDWIRTSCHAFT ALS TREIBENDE WIRTSCHAFTSFAKTOREN

70% der sizilianischen Wirtschaftskraft werden im Dienstleistungssektor und hier vor allem im stetig wachsenden Tourismusbereich erwirtschaftet. Der Industrie kommt eine untergeordnete Bedeutung zu. Wussten Sie aber, dass Palermo nur ca. 20% weniger Niederschlag als Basel hat (bei allerdings doppelt so hohen Durchschnittstemperaturen) und damit die Basis zu einer äusserst erfolgreich prosperierenden Landwirtschaft bildet? 70% der gesamten Zitrusfrüchteproduktion Italiens stammen aus Sizilien, mehr als die Hälfte der Mandeln und ein Viertel aller italienischen Weintrauben haben hier ihren Ursprung.

DER ÄTNA – EINES DER WAHRZEICHEN SIZILIENS

Dass der Ätna mit seinen 3‘345 m Höhe der grösste und aktivste Vulkan Europas ist, dürfte vielleicht bekannt sein. Dass er aber gleichzeitig auch der höchste Berg Italiens ausserhalb der Alpenkette ist, dürfte erstaunen. Eine Besteigung war somit für uns ‚Helvetier‘ Ehrensache, setzte aber das ‚Einverständnis‘ des Berges, das heisst seine Inaktivität voraus. Umso grösser das Gipfelerlebnis!

GESICHTER DES NEUEN SIZILIENS

Maria Grammatico im äusserst malerischen Städtchen Erice, wie ein Adlerhorst auf einem Felsen gelegen. Maria Grammatico wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und verbrachte einen Grossteil ihrer Jugend als Waise in einem Nonnenkloster. Gelernt hat sie dort aber die Kunst des Mandelbackens und zeigte uns persönlich ihr Können in der Backstube. Ihre Kostproben waren schlicht und einfach „meraviglioso“!

Die Principessa Alliata führte uns durch ihren Palast mitten in Palermo; hinter einem kaum wahrzunehmenden Eingangstor verbirgt sich eine völlig andere Welt der ehemals fürstlichen Gesellschaft. Zwei heiliggesprochene Ahnen erlauben auch heute noch das Abhalten von ‚Gottesdiensten‘ in den Privatgemächern.

Die Welt von ‚Padre Puglisi‘ in einem Armenviertel von Palermo. Angetreten mit dem Wunsch, den Jugendlichen eine Alternative zu den kriminellen Machenschaften der Mafia zu zeigen, wurde er 1992 vor seiner Haustüre erschossen. Seine weite Verehrung auch heute noch zeigt aber die anhaltende Kraft seines Wirkens.

Carmela Pupillo, die heute als junge önologische Quereinsteigerin erfolgreich das Weingut ihrer Familie in Siracusa mitführt. Die kredenzten Siracusa Bianco/Cyane oder Baronessa di Canseria zeigen den Erfolg ihres Wirkens – und dies alles in einem palastartigen Ambiente vor den Toren der Stadt. Alla salute!

Nicht unerwähnt bleiben darf aber auch Marionettenvater Maestro Turi in Acireale, der mit viel Herzblut und schauspielerischer Meisterleistung uns in das einstmals weit verbreitete Spiel der ‚Pupi‘ einführte.

Sizilien, wirklich eine Insel mit vielen Gesichtern! Weit ‚farbenreicher‘ als gemeinhin erwartet, dies auch dank Gabriele, unserem Reiseleiter vor Ort, der uns viele überraschende Facetten seiner Heimat zeigen konnte. Grazie molto! Ci ritorniamo!