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17. Januar 2018 · von Gabor Kiss

EIN LAND, DEM HIMMEL SO NAH

Sanft neigt sich unser moderner Donnervogel zur Seite, umfliegt elegant den letzten Bergrücken vor dem kleinen Flughafen und setzt satt auf der kurzen Landebahn auf. Paro, ein Ort mit etwa 15'000 Einwohner ist unser Tor zu Bhutan.

Wir sind eine muntere Reisegruppe von 21 Personen und sind in 2 Reisetagen von Zürich über Doha und Kathmandu nach Bhutan gereist. Wir sind hier, um das rätselhafte Land im Himalaya zu erkunden. Fürsorglich betreut von unserer Reiseleiterin Kathy Horisberger, unserem Fachreferenten Helmut Köllner und dem Team vor Ort. Wir werden versuchen, in 14 Tagen möglichst viele Facetten dieses rätselhaften Landes, welches in vielen Punkten mit der Schweiz vergleichbar ist, zu ergründen. Auf zahlreichen Stationen erkunden wir Bhutan, von Paro im Westen bis Bumthang im Osten.

DIE VORFREUDE

Das kleine Land am Fusse des Himalaya, ein Ort der Sehnsüchte und der Idealvorstellungen. Es drängt sich der Begriff von "Shangri-La" auf, jenem paradiesisch fiktiven Ort, welchen James Hilton mit dem Roman "Lost Horizon" aus dem Jahr 1933 aufgegriffen hat. Ein mythologisch aufgeladener Ort, welcher in Bezug auf Bhutan jedoch zu kurz greift.

Dieses Land, geopolitisch verwundbar, zwischen den zwei Riesen Indien und China liegend, wird in vielerlei Hinsicht mit drängenden Fragen der Gegenwart konfrontiert. Innerhalb von 50 Jahren aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert, muss es sich den Herausforderungen der Neuzeit stellen. Auf der Fahrt quer durch das Land ist man zwar beeindruckt von der intakten Natur, unberührte Waldflächen erstrecken sich bis zu einer Höhe von 4000 M.ü. Meer. Umweltschutz nimmt einen programmatischen Stellenwert ein, wird aber mangels Infrastruktur in der Abfallverwertung nur rudimentär umgesetzt.

Die Schweiz hat auf der Basis von frühen Kontakten aus den 50-er Jahren viel Entwicklungsarbeit geleistet. Wobei: Mit diesem Begriff sollte man vorsichtig umgehen. In Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern von Helvetas vor Ort zeigt sich ein differenziertes Bild der umgesetzten Projekte. Einiges wurde erreicht, die Forstwirtschaft wurde neu aufgebaut, Landwirtschaft und Ackerbaumethoden erneuert. Vieles ist aber auch an kulturellen, historischen und klimatischen Gründen gescheitert. Die Durchdringung des gesamten Lebenszyklus durch den Buddhismus erweist sich als soziales Bindemittel, aber auch als Hemmnis für neue Denkansätze.

DAS LEBENSRAD – UND ES DREHT SICH IMMER WEITER

Allgegenwärtig und bestimmend im gesamten Verständnis Bhutans ist der buddhistische Glaubensansatz. Genau genommen handelt es sich um den Vayrajana-Buddhismus tibetischer Ausprägung. Dieser Buddhismus ist als geistiges Gefäss zu betrachten und ist nicht starr wie der christliche Glauben. Er erfährt in Bhutan seine Verschmelzung mit schamanischen Elementen der Bergbevölkerung.

Das Lebensrad mit seinen sechs Bereichen der Wiedergeburt ist die bildliche Darstellung eines immerwährenden Kreislaufes von Leben, Tod und Neuinkarnation. Die Welt des Samsara, dieses Lebenskreislaufes, ist geprägt von fortwährendem Leid und Schmerz. Hilfe erfährt der Gläubige durch Legionen von helfenden und drohenden imaginären Geschöpfen. Diese sind ihm behilflich, den richtigen Weg zu gehen und ihn zur endgültigen Erleuchtung und zum Nirwana zu geleiten.

Bei unseren Besuchen in den Tempeln und Klöstern sehen wir eine farbige und bildgewaltige Götterwelt, welche den Gläubigen mit Ermahnungen und Anweisungen durch das Leben führt. Unzählige Inkarnationen und Manifestationen verwirren unseren westlichen Geist. Zum Beispiel Tara, eine erleuchtete Weise, welche als weibliche Bodhisattva in graziler Körperhaltung, auf einer Lotosblüte ruhend, auch im tantrischen Buddhismus verehrt wird. Der Umgang mit der Religion wird im Alltag gelebt und es gibt göttliche und andere moralische Instanzen für alle Lebensbereiche.

DAS EIGENTLICHE ICH AUF REISEN

Mit der Landung in Paro setzt eine mentale Entschleunigung ein. Die klare Sicht und das freie Atmen überträgt sich auf alle Sinne. Ich habe den Eindruck, dass es in unserer Reisegruppe unterschiedliche Beweggründe gibt, diese Reise zu unternehmen. Alle sind in einem Lebensabschnitt, wo man auf Fragen der eigenen Endlichkeit Antworten sucht. Einige treten die Reise mit klaren Vorstellungen bezüglich des Buddhismus an, andere wiederum – und dazu gehöre ich – versuchen, die Eckpfeiler dieses Lebensentwurfes zu ergründen. Wieder andere sind auf der Suche nach einem verborgenen Paradies, welches meiner Meinung nach in dieser Form nie existiert hat.

Ich habe auf dieser Reise versucht, die vorgefundene Gegenwart mit dem programmatisch vorgetragenen Versuch, Tradition und Identität mit dem modernen Lebensstil zu verbinden, zu hinterfragen. Nach Möglichkeit habe ich mich der allgemeinen gruppendynamischen Betriebsamkeit entzogen, um das Land in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ich habe mich in eine Ecke gesetzt und die Leute bei ihren alltäglichen Ritualen beobachtet, habe vereinzelt mit Fotos einen flüchtigen Augenblick eingefangen oder habe mich in einer einfachen Skizze intensiver mit einem Detail auseinandergesetzt.

Diesem tiefenentspannten Ansatz ist es vermutlich geschuldet, dass mir die touristischen Massenphänomene dieser Reise, wie zum Beispiel die Tsechus, die Veranstaltungen mit religiösem Hintergrund, eher befremdlich vorkamen (im Allgemeinen vermeide ich auch hierzulande Kirmesanlässe…). Wie befreiend war es dann jeweils, wenn unser kleiner Reisebus um tausend enge Kurven dem Himmel entgegenstrebte und ich mich dem Himmel nah fühlte. Und wie ich dann auf einem Pass, zum Schrecken meiner Frau, auf einer Felskante die Arme ausbreitend freudig in den Wind rief: „ICH BIN".

 

MEHR SEHEN, ANDERS ERLEBEN – BHUTAN

Fotoalbum von Gastblogger Gabor Kiss in der cotravel Galerie zu dieser Reise.
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