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14. April 2017 · von Svenja Ciriack

DER ZAUBER DES SPANISCHEN FRÜHJAHRES

„Jakobsweg??? Da sind doch nur Kirchen und Klöster…“, entgegneten mir Kollegen, denen ich von meiner bevorstehenden Jungfernfahrt als cotravel Reiseleiterin erzählte.  Wie faszinierend doch dieser Weg an sich mit seiner Geschichte dahinter ist, bewiesen mir die kommenden 10 Tage.

Nach einer herzlichen Begrüssung am Samstagvormittag am Zürcher Flughafen ging unser „Weg“ los: Eine kleine Helvetic-Maschine mit überraschend viel Beinfreiheit brachte uns bei schönstem Wetter und Blick auf die Berge direkt an unser erstes Ziel, Bilbao, wo wir ebenfalls mit Sonnenschein empfangen wurden. Unser lokaler Kulturreiseleiter Juan Vera wartete bereits am Flughafen auf uns und nahm uns direkt mit zum beeindruckenden Guggenheim-Museum.

Anschliessend ging unsere Reise weiter nach Pamplona – die zweistündige Fahrt verging bei einem kleinen Apéro und Vorträgen von Erwin Koller & Juan wie im Nu. Unser Busfahrer kämpfte sich durch die engen Gassen Pamplonas zu unserem zentralgelegenen Hotel, wo bereits unser Willkommensdinner auf uns wartete – passend zum Reisethema in einer zu einem Restaurant umgebauten Kapelle. Und so wurden wir am ersten Abend in die fantastische, spanische Küche mit ihrem hervorragenden Rotwein eingeführt.

WARMES SPANIEN – VON WEGEN

Nachdem uns die Sonne auch am zweiten Tag in Pamplonas Umland nicht verlassen hatte, liess sie uns jedoch am dritten und ersten eigentlichen Wandertag im Stich – die ursprünglich geplante Wanderung fiel wortwörtlich ins Wasser. Auch die Temperaturen verkrochen sich auf 3°C und Frau Holle schüttete sogar ihre Kissen aus, so dass wir nach unseren touristischen Highlights bei Schneeregen zum Bus eilten! Da muss man extra nach Spanien fahren, um dieses Jahr nochmal Schnee zu erleben…

Natürlich hatte ich als Organisatorin der Reise leichte Panik – was, wenn das Wetter jetzt so bleibt? Mit etwas Regen zu der Jahreszeit hatte ich ja gerechnet, aber Schnee??? Die Prognose war alles andere als gut – über ganz Spanien verbreitete sich ein doppeltes Tiefdruckgebiet, was für diesen Wetterumschwung sorgte. „Das ist echt verrückt – so etwas hatten wir die letzten 10 Jahre nicht“, erklärte Juan. „Vor einer Woche hatten wir schon fast 30°C und jetzt Schnee…“  Klasse, dachte ich. Vor allem waren alle TeilnehmerInnen bereits ganz wild darauf, Teile des Jakobswegs zu Fuss zu beschreiten. Enttäuschung war vorprogrammiert.

Noch am selben Abend schickte ich ein Stossgebet nach oben – und wurde Gott sei Dank erhört. Bereits am nächsten Tag hatten wir bei unserem Weingut-Besuch in Rioja – einem der bedeutendsten Weinanbaugebiete Europas – tolles Wetter und unsere erste Wanderung durch Felderlandschaften konnte endlich stattfinden. Auch die Temperaturen kletterten von Tag zu Tag wieder hoch und gaben uns ein perfektes Wanderklima zwischen 11 – 19°C.

MÖGE DIE MAGIE MIT UNS SEIN

Die kommenden Tage blieben ebenfalls trocken und waren teilweise mit Sonnenstunden gesegnet.  Den krönenden Abschluss erfuhren wir bei unserer letzten Wanderung an Tag 8, dem schönsten Teil des Jakobswegs: von Triacastela zum Kloster Samos. Wandern auf naturbelassenen Pfaden, geschmückt mit den ersten Frühlingsanzeichen von wachsenden Blumen und begleitet von Sonnenschein und dem Rauschen kleiner Wasserfälle des beiliegenden Flusses. Wer nicht schon bereits vorher von den hügeligen Feldpfaden, flachen Wiesenabschnitten, den kleinen, verschlafenen Dörfern, den märchenhaften Klöstern oder den gregorianischen Gesängen verzaubert wurde, den packte die Magie des Jakobswegs spätestens jetzt.

Alle TeilnehmerInnen waren fasziniert und spürten etwas Besonderes nach dem letzten Abschnitt – niemand konnte so wirklich sagen, was es war. Ein Naturerlebnis pur! Hinzu kam, dass wir – bis auf ein einziges Mal, wo wir von einer 80-Mann-Reisegruppe überrascht wurden – bei unseren Besuchen der diversen Gotteshäuser oder auch auf unseren Wanderwegen fast immer die einzigen Reisenden waren, was natürlich zur magischen Wahrnehmung beitrug. Besonders die kleine, unscheinbare Kirche im verschlafenen O Cebreiro ging vielen sehr nahe – doch wäre die mystische Stimmung längst nicht bei strömenden Touristen gegeben. Die frühe Jahreszeit hatte also auch etwas Gutes an sich. Erwin Koller konnte seine Vorträge meist am heiligen Ort selbst halten und verschaffte uns somit eine gewisse Exklusivität, welche wir alle sehr schätzten.

ZIEL ERREICHT – UND NUN?

In Santiago angekommen, wurden wir von windigem Regen empfangen – womit der Zauber wieder verschwand. Nach diesem unbeschreiblichen Naturerlebnis war die Enge der Stadt und das graue, nasse Wetter alles andere als magisch. Natürlich gehört es dazu, wenigstens die letzten 300 Meter zur Kathedrale zu Fuss zu gehen. Voller Spannung auf unser langersehntes Ziel kämpften wir uns durch die feuchten Gassen und betraten die Kathedrale.

Schweigen… „Das ist jetzt die Hauptkathedrale?“ fragte mich schliesslich eine Teilnehmerin. „Ja“, erwiderte ich belustigt. Anscheinend ging es nicht nur mir so: Die Kathedrale wirkte im Vergleich zu den anderen, die wir auf unserer Reise gesehen haben, längst nicht so imposant wie zum Beispiel die Kathedralen in Burgos oder Léon.

Die Pilgermesse am nächsten Tag war jedoch sehr interessant: Reisende aus aller Welt fanden sich bereits eine Stunde vor Beginn ein, um noch einen Sitzplatz zu bekommen. Auch wenn die Messe auf Spanisch stattfand und wir nicht viel verstanden haben, so war es schön, mit allen Gleichgesinnten vereint diesen Gottesdienst zu erleben. Und immerhin hatten wir das Glück, dass das riesige Weihrauchfass geschwungen wurde – was normalerweise nur sonntags geschieht. Es sei denn, jemand ist bereit, der Kirche EUR 300.- für das Schwingen zu zahlen…

DER SCHÖNSTE TAG

Um den Jakobsweg aber vollends abzuschliessen, machten wir uns noch einmal auf die Reise – zum westlichsten Ende der Welt, Fisterra. Mal wieder hat es in Santiago nur geregnet, doch je näher wir dem Meer kamen, desto sonniger wurde es wieder. Letztendlich durften wir sogar bei purem Sonnenschein am Strand spazieren und Europas einzigen Wasserfall, der ins Meer mündet, bestaunen, bevor wir zum letzten Teil der Wanderung – nach Kap Fisterra – aufbrachen. Am Leuchtturm erwartete uns dann ein Apéro mit Abschiedsdinner bei Sonnenuntergang – einen schöneren Abschluss konnten wir uns nach den Wetter-Auf-und-Abs nicht vorstellen.

Unsere Gruppe verstand sich sehr gut – schliesslich hatten alle irgendwo dasselbe Interesse. Durch diese Harmonie war die Stimmung bei unseren Essen immer toll. Wozu natürlich auch die stets hervorragende Küche, untermalt mit den besten Weinen der Region, beitrug. Doch an diesem letzten Abend war sie sehr besonders – ja wieder magisch – nicht in Worte zu fassen. Beglückt und zufrieden stiessen wir auf den letzten gemeinsamen Abend an und teilten Gedichte und Dankesreden.

Kurz vor Mitternacht machten wir uns dann wieder zurück nach Santiago. Auf dem Weg zum Bus blickte ich bei Meeresrauschen in den sternenklaren Himmel. Eine Sternschnuppe streifte das schwarze Nichts. „Unglaublich“, dachte ich, „schöner hätte ich mir die Reise entlang des Jakobswegs nicht träumen lassen.“

ERKENNTNISSE IM GEPÄCK

Am nächsten Tag hiess es Abschiednehmen. Zunächst von unserem lokalen Reiseleiter, Juan. Wir alle haben ihn in den 10 Tagen lieben gelernt. Sein breites Wissensspektrum wusste er immer stets an den richtigen Stellen einzusetzen und interessant zu vermitteln – und dank seines tollen Humors wurde es auch nie langweilig. Zudem lehrte er uns eines: Heute ist der schönste Tag der Reise! Mit dieser Mitteilung, immer kreativ in seine morgendlichen Reden eingebau, starteten wir jeden Tag. Und wurden daran erinnert, dass wir jedem Tag die Chance geben sollten, der Schönste unserer Reise – dem Leben – zu sein.

Nachdem wir dann am kleinen, überschaubaren Flughafen von Santiago de Compostela angekommen waren, fanden wir uns schnell nach der Sicherheitskontrolle zusammen und verbrachten die letzten Stunden nochmal gemütlich beim gemeinsamen Zmittag. Ein letztes Mal stiessen wir an auf eine Reise voller interessanter Begegnungen und Erlebnisse, die uns tatsächlich gelehrt hat, dass der Weg das Ziel ist.

 

MEHR SEHEN, ANDERS ERLEBEN – JAKOBSWEG

Fotoalbum dieser Reise.
Nächste Reisen mit Erwin Koller.