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9. Juli 2018 · von Verena Biedermann

AUF DEN SPUREN DES BEGEHRTEN BALTISCHEN GOLDES

Von Danzig via Oblast Kaliningrad durch die drei baltischen Staaten, eine Stippvisite in Helsinki und St. Petersburg. Unsere Reise war weit mehr als nur die Spurensuche auf einem der ältesten Bernstein-Handelswege Europas. Wir entdeckten auch grössere und kleinere histori­sche Städte, eingebettet in eine intakte Landschaft. Während der 14-tägigen Reise durch sieben Länder besuchten wir nicht weniger als acht Orte des UNESCO-Weltkulturerbes.

Die Sehenswürdigkeiten der Dreistadt (Danzig, Gdingen, Sopot) führten uns durch die farbenfrohen Häuser des „Langen Marktes“ in Danzig, an den Geburtsort von Günter Grass und in die mittelalterliche Ordensburg des Deutschen Ordens Marienburg. Die legendären Danziger Werften erinnerten an die Gewerkschaftsbewegung Solidarność unter der Führung von Lech Wałęsa. In Sopot genossen wir die ursprüngliche Kurortatmosphäre mit der langen Holzbrücke und der belebten Fussgängerzone „Monte Cassino“ mit dem bizarr geformten „Krummen Häuschen“.

Die westlichste und kleinste Oblast der russischen Föderation – Kaliningrad – ist von Polen, Litauen und der Ostsee umgeben. Was die Exklavensituation seit 2004 noch verschärft, da ein Visum ins russi­sche Kernland erforderlich ist. Bernstein (russ. Jantarny) ist in und um Kaliningrad omnipräsent. Dies letztlich auch wegen der grössten Tagbaumine Primorskoje in Palmnicken. Dort sollen mindestens 80% der weltweiten Bernsteinvorräte lagern.

Die Stadt selbst besitzt zahlreiche schön restaurierte Kirchen und Museen, u.a. die Immanuel Kant Gedenkstätte sowie weitere Prunkbauten wie das Friedrichsburger- und das Königstor oder die erinnerungswürdige Bauruine „Haus der Sowjets“. Im Königsberger Dom wurden wir von einem Orgelkonzert überrascht. Besonders beeindruckend war der raumfüllende Klang der Bachinterpretation auf der 14‘000 Pfeifen umfassenden Orgel – der zweitgrössten nebst Passau.

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BERNSTEIN IN LITAUEN

Auf unserem Weg ostwärts kamen wir im litauischen Nida an, das auf der Haffseite der Nehrung liegt. Neben dem Besuch des Sommerhauses des Nobelpreisträgers Thomas Mann, der 1929-1932 in Nida lebte, genos­sen wir eine Schifffahrt zu den in einem Nationalpark gelegenen bis zu 50m hohen Dünen. Wir erfuhren mehr über die Bedeutung der Kurenkreuze, besichtigten eine Bernsteinmanufaktur und konnten endlich unseren ersten Bernstein selber schleifen. In Nemirseta versuchten wir uns teilweise erfolgreich im Bernsteinfischen. Bei einem gemütlichen Apéro an der Parnidis-Düne, Europas grösster Düne, liessen wir einen weiteren interessanten Tag Revue passieren.

Auf dem sattelförmigen Doppelhügel „Berg der Kreuze“, nahe Schaulen, stehen heute
300‘000-400‘000 Kreuze, die von Pilgern als Dank oder zur Erfüllung eines Wunsches aufgestellt werden. Die flache Landschaft zwischen Klaipeda und Riga ist geprägt von Wiesen und Wäldern. Ab und zu sind noch ehemalige Kolchosen- und Sowchosen-Betriebe erkennbar.

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SCHLÖSSER IN LETTLAND

„Labadien“ (guten Tag) hiess es im lettländischen Riga! Die Stadt ist geprägt von seiner Jugendstilarchi­tektur, dem intakt gebliebenen historischen Stadtgefüge und der Holzarchitektur aus dem 19. Jahr­hundert. Sehenswürdigkeiten gibt es da viele: so das älteste Wohngebäude-Ensemble aus dem 15. Jahrhundert, die „Drei Brüder“ (die „Drei Schwestern» sind in Tallinn anzutreffen), eine Lagerhaus­gruppe, die 1941 zum Rigaer Ghetto umfunktioniert wurde oder der imposante Dom. Erwähnenswert sind auch die dreischiffige Petrikirche sowie die legendären Markthallen, wo alles zu finden ist.

Im Gebiet der „livländischen Schweiz“ gibt es zahlreiche Burgen und Schlösser. So besuchten wir das Schloss in Sigulda und die Bischofsburg Turaida. Die parkähnliche Anlage lädt zum Flanieren zwischen den beeindruckenden, modernen Steinskulpturen ein. Der Blick vom Turm der Bischofsburg ist um­werfend. Auf dem nach ökologischen Grundsätzen geführten Hof Zipari erlernten wir die Holzschindelherstellung und liessen uns von der Bäuerin Sanita kulinarisch verwöhnen – u.a. gab es eine schmackhafte Sauerampfersuppe.

FINNISCH ANMUTENDES ESTLAND

Mit Tallinn sind wir im dritten baltischen Staat angelangt. Landschaftlich unterscheidet sich Estland insofern von den beiden anderen baltischen Nationen, als es grosse Birken- und Nadelholzwälder gibt. Und der im Südosten des Landes liegende Berg Suur Munamägi ist mit 317m die höchste Erhebung im Baltikum. Auch die Sprache der stolzen Esten ist viel melodischer und stark ans Finnische angelehnt.

Die 2015 mit dem Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ ausgezeichnete Stadt Tallinn liegt nur rund 80km südlich von Helsinki und ihre Architektur ist sichtlich von ihrem nördlichen Nachbarn beeinflusst. Die kalksteingotische Altstadt ist vergleichsweise klein, jedoch nicht minder sehenswert mit dem historischen Gebäudekomplex der „Drei Schwestern“, dem Haus der Schwarzhäupterbruderschaft, dem Kanonenturm Kiek in de Kök, der spätgotischen Steinkirche St. Nikolai, dem Wehrturm „Dicke Margarethe“, dem Domberg oder der Gedenkskulptur Katkenud liin (Untergang des Fährschiffes Estonia). Die niedrige Steuerlast und das liberale Wirtschaftsumfeld sind für Unternehmen attraktiv, was sich letztlich auch im BIP niederschlägt (2016: US$ 17‘633). Nägemist Eesti – „Auf Wiedersehen Estland“!

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ÜBERFAHRT NACH RUSSLAND

Die Stippvisite mit einer kurzen Stadtrundfahrt in der „Weissen Stadt des Nordens“, Helsinki, war leider viel zu kurz – es lockt nach mehr! Nach dem Einschiffen auf die 2500 Personen umfassende Princess-Anastasia-Fähre wurden wir jedoch beim Auslaufen mit einer traumhaften Fahrt durch die Schären belohnt. Auch der nächste Morgen begrüsste uns mit einer vielfältigen Insellandschaft und einer langen Einfahrt bis zum Anlegesteg in St. Petersburg. Dort erwartete uns der NZZ Korrespondent Markus Ackeret.

St. Petersburg ist die nördlichste Millionenstadt der Welt, liegt am Ostende des Finnischen Meerbusens und wurde 1703 von Peter dem Grossen gegründet, der im Reiterstandbild – das Wahrzeichen der Stadt – verewigt ist. Er hat für den Bau der Stadt über 30‘000 Leibeigene im Zarentum Russland zwangsrekrutiert. Dabei kamen vermutlich Zehntausende wegen Hunger, Krankheit oder auf der Flucht ums Leben. Militärstrategisch – von Peter dem Grossen über Lenin bis zur Belage­rung durch die deutsche Wehrmacht – war St. Petersburg immer ein stark umkämpfter Ort.

VENEDIG DES OSTENS

Die an der Newa gelegene Fünf-Millionen-Stadt wird auch als „Venedig des Ostens“ bezeichnet und ist mit rund 2300 Palästen, Schlössern und Prunkbauten besonders geschichtsträchtig. Alle Sehenswürdigkeiten aufzuzählen, würde einen weiteren längeren Bericht ergeben. Deshalb hier nur einige Nennungen: Festung Peter und Paul, Eremitage, Katharinenpalast mit dem legendären Bernstein­zimmer, Isaak-Kathedrale, Vodka-Museum, Kinder- und Jugendballett, Peterhof mit seiner gleichna­migen Burg, Messegesang in der orthodoxen Niklaus Kathedrale etc. etc. Einen genussvollen Abschlussabend verbrachten wir bei einer Schifffahrt auf der Newa.

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Markus Ackeret begleitete uns während des dreitägigen Aufenthalts in St. Petersburg und konnte in den Dialoggesprächen die zahlreichen aufgetauchten Fragen und Ungereimtheit mit grosser Fachkompetenz beantworten. Mit seinem Expertenwissen über Land und Leute rundete er die spannende und erlebnisreiche Bernsteinreise ab. Ein ganz herzliches Dankeschön Markus!

 

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