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ARTIKEL: Schlange Stehen in Japan

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08. September 2016 von Henning Rahn

DIE KUNST – UND DER KITZEL – ANZUSTEHEN

Sie bestimmen allerorts das Stadtbild und bergen weit grössere Gefahren, als ihre tierischen Verwandten. Sie kosten enorm viel Zeit, die Menschenschlangen. Es ist völlig selbstverständlich im Disneyland Tokyo 180 Minuten anzustehen für ein Fahrgeschäft, welches 2 Minuten dauert. Und alle bleiben in dieser Zeit munter, fröhlich und kein bisschen gereizt oder aggressiv. Auch ein Schild mit der Aufschrift „2h30 Wartezeit ab hier“ hindert Erwachsene nicht daran, sich vor einem Spielzeugladen anzustellen, weil just an dem Tag eine neue Mangafigur auf den Markt kommt.

Es scheint, dass Schlange Stehen eine Kunstform ist. Man könnte denken, die Japaner lieben es aber es steckt weitaus mehr dahinter. Es liegt eine gewisse Schönheit in diesen oftmals schier endlosen Reihen. Beispielsweise in der Rushhour. Wohlgesittete Reisende warten in einer akkurat geformten Linie auf die Ankunft der Züge. Und wenn sich die Türen öffnen, wartet die Schlange ruhig, bis auch der letzte Passagier ausgestiegen ist, bevor man sich in den überfüllten Waggon quetscht und gegen die Scheiben gedrückt wird – natürlich immer noch schön in der Reihe.

Egal zu welcher Zeit, hier schlägt keiner über die Stränge oder durchbricht dieses ungeschriebene Reglement und drängelt sich etwa vor. Von ein paar Touristen mal abgesehen, deren Verhalten mit Argwohn gesehen und mit Nichtbeachtung bestraft wird. Wer also nicht auffallen will, sollte die wichtigsten Regeln beachten. Ein paar nicht ganz so ernst gemeinte Tipps für mehr Spass in der Warteschlange:

1.            LERNE, ES ZU GENIESSEN

Suche dein Zen. Es gibt keinen Grund, den Zeitverlust durchs Warten zu bekämpfen, also sollte man es besser als ein Geschenk sehen, unfreiwillig Zeit zu haben im Alltagsstress. Die Zeit, die man gegen einen Fremden vor sich in der Schlange gedrückt verbringt, antizipiert das Dinner, den Konzertabend oder den Kaufhausbesuch, für den man ansteht. Man investiert so viel wertvolle Zeit darin, also sollte man diese besser geniessen als im Groll zu verbringen.

2.            VERGISS DEIN UMFELD UND DEINE FREUNDE

Ein diskreter Chat mit einem Freund ist okay. Ein lautes Facetime-Gespräch via Smartphone mit der Oma ist es nicht. Man verbringt die nächsten 30 oder mehr Minuten mit seinen neuen Freunden aus der Warteschlange. Diese müssen nicht unbedingt darin involviert sein, wie es dem Kater von Oma nach seiner Kastration geht. Wenn schon eine Unterhaltung, dann bitte mit dem Nebenmann, sofern er nicht völlig in Pokémon-Go vertieft ist. Aber dann hat man eh ein gemeinsames Thema, denn ein Japan-Besuch ohne die Pokémon-App auf dem Smartphone ist sowieso ein absolutes No-Go.

3.           STARTE EINE ROMANZE

Die grosse Liebe kann überall warten. Warteschlangen können ein unerwartet lustiges und spontanes Überraschungsdate sein. Nur du, die Person vor oder hinter dir, 20 Minuten bis zu einer Stunde ungeschicktes Plaudern und eine lauschende Menschenmenge, die gerne kommentiert. Und wenn es gar nicht klappt oder man zu plump und direkt  ist, einfach umdrehen und wegrennen – im Gewissen, dass niemand seinen Platz in der Reihe aufgeben wird um dich zu verfolgen.

4.            BLOCKIERE NIE EINEN PLATZ

Wenn man eine lange Schlange sieht, die sich schon bei 35° Grad in der prallen Sonne um den ganzen Block zieht, beispielsweise vor einem angesagten Restaurant, ist es sehr verführerisch eine Person als Platzhalter zu senden, während der Rest der Gruppe an anderem Ort klimatisiert, in gemütlichen Sesseln und mit einem Bier in der Hand wartet. …Dies ist ein absolutes No-Go in Japan. Auch wenn man dann an der Reihe ist, wird das Restaurant einen nicht platzieren, solange nicht die ganze Gruppe anwesend ist und es wird ganz-unheimlich-extrem missbilligt, wenn man einen Freund oder auch ein Familienmitglied zu sich in die Schlange einlässt. Will man nicht direkt des Landes verwiesen werden, ist dies also unbedingt zu vermeiden.

5.            EIN TOLLES ERLEBNIS: WARTESCHLANGENROULETTE

Lange Menschenschlangen, vor allem in Tokyo, bedeuten üblicherweise, dass am Anfang der Schlange etwas ganz Aussergewöhnliches auf einen wartet. Für den Aussenstehenden meist nicht zu erkennen, um was es sich handelt. Daher einfach mal in die Reihe stellen, auch ohne den Grund zu kennen. Bequeme Kleidung anziehen (besser keine Highheels für die Damen), Essen, Getränke und Wechselklamotten für 24 Stunden in allen Wetterlagen einpacken  und ab geht es in die Überraschungsschlange. Es kann ein neues Gourmet-Erlebnis sein, ein Auftritt der bekanntesten Girlgroup, ein Kondolenzbesuch oder ein neues und revolutionäres Bleichmittel für die Haut. Stellt man sich nicht an, wird man den Grund nie erfahren.

6.            NICHT STEHENBLEIBEN

Wie bei Flashmobs weiss man auch bei Warteschlangen nie, wo sie auftreten. Man stellt sich mal eine Minute vor einen Geschäftseingang um sich zu orientieren oder zu verschnaufen und im nächsten Moment hat man die nächste Schlange ausgelöst und findet 50 Personen hinter sich, die alle denken, man sei der eine Wissende über einen neuen Grund, sich einzureihen.

 

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