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13. Februar 2018 · von Elisha Schuetz

DIE BURMESEN ZWISCHEN AUFBRUCHSSTIMMUNG UND ZUKUNFTSANGST

Im Branchen-Magazin TRAVEL INSIDE erschien am 8. Februar 2018 ein Bericht von Elisha Schuetz. Vor Ort in Burma recherchierte er zum Thema: Wie wird sich der in den letzten Jahren kontinuierlich an Bedeutung gewonnene Tourismussektor weiterentwickeln? Ein Augenschein vor Ort - den wir mit Dank an TRAVEL INSIDE hier reproduzieren dürfen.

Der Tourismus in Myanmar hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Der Rohingya-Konflikt beherrschte die Schlagzeilen, und urplötzlich war in der Berichterstattung nicht mehr von der «aufstrebenden Trend-Destination der goldenen Pagoden», sondern von einem Land die Rede, das die Menschenrechte mit Füssen tritt. Ein PR-Gau gröberen Ausmasses.

Die Tourismusbehörde Myanmar Tourism Marketing war denn auch um Schadensbegrenzung bemüht und wurde nicht müde zu betonen, dass diese Problematik die Touristen nicht im Geringsten beeinträchtige. Schliesslich würden 135 Ethnien friedlich im Land zusammenleben, und nur mit den Rohingyas gebe es lokal begrenzte Spannungen – die allerdings viel komplexer seien als in den Medien dargestellt und schon Jahrzehnte andauern.

WIE SIEHT DIE SITUATION VOR ORT AUS? In der Tat ist vom Konflikt im Rakhine- Staat in allen anderen Teilen des Landes nichts zu spüren; unter den Burmesen ist er auch kaum ein Thema. Im Gespräch fällt höchstens die verunsicherte Frage, weshalb nicht mehr so viele Touristen ihr Land besuchen würden. Hau Khan Sum, der Vize-Botschafter Myanmars in der Schweiz, beziffert den Rückgang der Besucher nach Ausbruch des Konfliks ab September auf insgesamt rund –35%. Primär die Briten scheinen die ehemalige Kolonie zu meiden. Über das ganze Jahr gesehen resultierte dennoch ein Plus von 7%, während die Schweizer Einreisen 2017 praktisch unverändert blieben: Sie erhöhten sich von 7137 im Vorjahr auf 7161.

Der Besuchereinbruch ab September ist aber durchaus spürbar: Selbst in touristischen Hotspots wie Bagan oder rund um den Inle Lake sind die Hotels mehr schlecht als recht gebucht. Die aus Touristen-Sicht positive Kehrseite: Die Burmesen sind beinahe rührend darum bemüht, die Gäste so zuvorkommend willkommen zu heissen wie nur irgendwie möglich.

LOKALE TOUR OPERATORS erhalten seit dem Herbst deutlich weniger Buchungseingänge – ganz klar in Zusammenhang mit dem Rohingya-Konflikt, wie Bertie Lawson, Managing Director vom DMC und TO Sampan Travel aus Yangon bestätigt. Der junge Brite ist vor vier Jahren nach Myanmar ausgewandert und hat den Tourismus-Boom der letzten Jahre hautnah miterlebt. «Wir haben den Eindruck, Myanmar gelte nicht mehr als die ‹hot new destination›, die sie vor zwölf Monaten noch war. Sie wurde in der öffentlichen Wahrnehmung schlicht von der ‹To Go List› gestrichen.»

Oft geht vergessen, dass die Demokratie Myanmars erst sechsjährig und äusserst fragil ist. Dank der Einnahmen aus dem Tourismus wurde allerdings ein wichtiges Fundament für die Entwicklung und den Demokratisierungsprozess des Landes gelegt. Im Gegensatz zu einigen Nachbarländern setzt das Land auf einen massvollen und nachhaltigen Tourismus. «Dass sich dieser Sektor nur schrittweise entwickelt, ist nicht einmal negativ», urteilt Lawson. Immerhin habe Myanmar Tourism Marketing ihr finanzielles Engagement zur Promotion des Landes in den vergangenen zwölf Monaten «drastisch erhöht». Wobei angefügt werden muss, dass zuvor kaum Mittel eingesetzt wurden.

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Das Land könne sowieso nur ein schrittweises und allmähliches Wachstum verkraften, meint Lawson. «Indes scheint der Tourismus sowieso nicht eine Priorität der burmesischen Regierung zu sein. Meines Erachtens herrscht viel zu viel Bürokratie, keine Klarheit bezüglich der zukünftigen touristischen Ausrichtung und eine dürftige Kommunikation», sagt er. Auch stelle er einen Mangel an Innovation in der örtlichen Tourismusindustrie fest. «Eine Vielzahl von jungen Burmesen, die im Tourismus arbeiten, haben jedoch äusserst kreative Ideen – ihnen wird aber kein Raum zur Entfaltung gegeben.» Zudem würden sie in einem Land, in dem starre hierarchische Strukturen vorherrschen, von den älteren Generationen oft gar nicht ernst genommen.

IMMERHIN WIRD allmählich die touristische Infrastruktur verbessert und ausgebaut; so sind nun auch ausländische Hotelketten zu sehen. «Es herrscht nach wie vor eine spürbare Aufbruchsstimmung im Land, gerade unter den Jungen», sagt Lawson. «Es werden Start-ups gegründet, Workshops organisiert und soziale Unternehmungen ins Leben gerufen. Die Armut hat sich zudem verringert.»

Die Burmesen würden das Land ausmachen, das aus weit mehr als Pagoden bestehe. Die Interaktion mit der enormen Diversität an Ethnien sei das eigentliche Highlight für Touristen. Er hoffe inständig, dass die optimistische Aufbruchsstimmung der Burmesen nun aufgrund der fehlenden Tourismuseinnahmen nicht in Zukunftsangst kippe. Im Gespräch mit lokalen Tour Guides schwingt tatsächlich diese Angst mit. Was, wenn die mühsam erkämpften besseren Lebensbedingungen durch die Öffnung des Landes schon wieder bedroht sind? Man will es sich gar nicht vorstellen.

 

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Original-Artikel von Elisha Schuetz.
Webseite des Tourismus-Branchenmagazins TRAVEL INSIDE.
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